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Chor, Fenster I (Vita Christi), Gesamtansicht

Gesamtansicht

                                                                                              

Erhaltungsschema

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Beschreibung

Der noch an ursprünglicher Stelle befindliche Vita-Christi-Zyklus des Achsenfensters weist einige kompositorische Besonderheiten auf. So sind die Einzelbilder bahnweise von unten nach oben zu lesen, wobei die sechs Szenen einer jeden Bahn auch einen inhaltlich geschlossenen Abschnitt markieren (Marienleben bis Taufe Christi – Passion Christi – Erscheinungen Christi). Hier wird also noch jene traditionelle Erzählfolge des typologischen Achsenfensters beibehalten, zu dessen Entwicklung das Maßwerkfenster entscheidende Impulse geliefert hat. Anders als dort sind in Limburg die inhaltlichen Querbezüge zwischen den Medaillonsträngen jedoch längst aufgehoben. Nur in einigen formalen Parallelismen wie der göttlichen Taube im Tauf- und Pfingstbild (6a, 6c) oder der ähnlich gestalteten Darbringungs- und Himmelfahrtsszene (5a, 5c) klingt die Herkunft dieses Bildsystems erstaunlicherweise noch nach. Ungewöhnlich ist auch die Bildauswahl: So finden wir zwar eine auf die Beweinungs- und Grablegungsszene ausgedehnte Passion, dagegen kommt der rechte Medaillonstrang ganz ohne Auferstehung Christi aus. Eine solche Interessensverlagerung auf die Leidensmotivik ist bezeichnend für die mehr Wirklichkeitsnähe fordernden Bedürfnisse spätmittelalterlicher Frömmigkeit.

Zweifellos befand sich einst auch eine im Limburger Diözesanmuseum aufbewahrte Scheibe mit der Erschaffung der Tiere in einem der beiden Flankenfenster, zumal mit Rahmenform und Karogrund auch das Gliederungssystem des Achsenfensters aufgegriffen ist. Demnach wird man für das Chorfenster nord II einen Bilderzyklus anzunehmen haben, der entsprechend der Erzählfolge des Christusfensters gleichfalls inhaltlich dreigeteilt gewesen sein dürfte. In der linken Bahn böte sich dafür die Erschaffung der Welt und des Menschen an, die mittlere Lanzette könnte die Szenen vom Sündenfall bis zur Arche Noah umfasst haben, und in der rechten Bahn wäre mit der apokryphen Annenlegende der Anschluss an das Achsenfenster zu erreichen. Über das Aussehen des vollständig verlorenen, sicher jedoch figürlich verglasten Fensters süd II fehlen uns hingegen weiterführende Hinweise. Aus Gründen der Symmetrie erscheint es allerdings sinnvoll, die Medaillongliederung auch für dieses Fenster anzunehmen.

Die Maßwerkformen setzen eine inhaltliche Zäsur im Programm, hat man doch den beschränkten Platz in den Kopfscheiben noch für eine verkürzte und abgewandelte Form der Deesis genutzt. Diese aus dem Osten übernommene Fürbittszene, wie sie schon die Limburger Staurothek (Limburg, Diözesanmuseum) vor Augen führt, markiert seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert hin und wieder den Abschluss in dreibahnigen Vita-Christi-Zyklen, so schon im Achsenfenster der Pfarrkirche im gotländischen Etelhem1 oder im Dom zu Leslau (Włocławek)2. Mit erhobenen Händen bitten Maria und der Evangelist Johannes, der den Platz des Täufers einnimmt, um Gnade für die Menschheit. Anstelle des Weltenrichters ist eine auf die Passionserzählung der Mittelbahn bezogene Vera Icon gerückt. Auch das Maßwerk mit den eingeschriebenen Stifterwappen ratsfähiger Limburger Patrizier ist inhaltlich von den Lanzetten abgerückt und erinnert damit mehr an eine Minimallösung nach dem Vorbild der beiden Oppenheimer Rosenfenster. Dabei dürften jedoch die Positionen der Wappen zu einem späteren Zeitpunkt vertauscht worden sein.

Für Mainz als Entstehungsort der Glasmalereien sprechen neben der geografischen Nähe nicht zuletzt auch erhalten gebliebene Wandmalereien in der Krypta von St. Christoph (Pietà mit Stifter) und aus der Sakristei von St. Emmeran (Hl. Katharina, Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum, Inv. Nr. 5561). Sie zeigen einen verwandten Figurenstil und besitzen vor allem in der Gesichtszeichnung und den Faltenmotiven Parallelen zu Limburg3.

Mainz(?), 3. Drittel des 14. Jahrhunderts.

Einzelscheiben und Scheibengruppen:

2a: Heimsuchung Marias

3a: Geburt Christi

5a: Darbringung Christi im Tempel

6a: Taufe Christi

1b: Christus vor dem Richter

2b: Geißelung Christi

3b: Kreuztragung Christi

4b: Kreuzigung Christi

5b: Beweinung Christi

6b: Grablegung Christi

1c: Christus in der Vorhölle

2c: Noli me tangere

3c: Christus und der ungläubige Thomas

4c: Erscheinung Christi vor den Jüngern / Missionsbefehl

5c: Himmelfahrt Christi

6c: Pfingsten

7a–c: Deesis

1A–C, 2A–C und 3B: Ornamentverglasung mit den Wappen Mulich oder Borgeneit, Hartleib, Eschenau und Holzhausen

  1. Aron Andersson, Die Glasmalereien des Mittelalters in Schweden, in: Aron Andersson u.a., Die Glasmalereien des Mittelalters in Skandinavien (Corpus Vitrearum Medii Aevi Skandinavien), Stockholm 1964, S. 9–251, hier Abb. 9 und Taf. 88.»
  2. Kazimierz Buczkowski, Dawne szkła artystyczne w Polsce, Krakow 1958, Abb. 6–8.»
  3. Vgl. Joachim Glatz, Mittelalterliche Wandmalerei in der Pfalz und in Rheinhessen (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 38), Mainz 1981, S. 255f., Abb. 56f., und S. 259f., Abb. 58f..»