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Bad Wilsnack, St. Nikolaus

Einführung zum Standort

Seit 1383 in der Ruine der einer Brandschatzung zum Opfer gefallenen Wilsnacker Dorfkirche drei blutende Hostien entdeckt wurden, entwickelte sich St. Nikolai als „Wunderblutkirche“ zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Zeit, der über 140 Jahre lang von ganz Europa aus besucht wurde.

1450 begann man, die nach dem Brand wiederaufgebaute Kirche durch einen geräumigen Neubau zu ersetzen, um die großen Pilgerströme und ebenso die zahlreichen Stiftungen und Votivgaben der Pilger aufzunehmen. Errichtet wurde eine dreischiffige Backsteinhallenkirche über kreuzförmigen Grundriß. Um 1460 waren der fünfseitig geschlossene Chor und das 40 m breite Querhaus dieses Neubaus errichtet. Erst 1525 wurde das ursprünglich länger geplante Langhaus mit nur drei Jochen fertiggestellt. Die reiche Ausstattung der Kirche mit Glasmalereien verdankte sie Stiftungen, unter anderem durch brandenburgische und sächsische Kurfürsten, König Christian I. von Dänemark und durch die Stadt Hamburg.

Die wundersamen Hostien wurden in einer Kapelle im südlichen Querhaus verehrt. Die seit der Reformation allmählich niedergehende Wallfahrt endete ganz, nachdem die Hostien 1552 durch einen protestantischen Pfarrer verbrannt worden waren. Das Fernbleiben der Pilger hatte den wirtschaftlichen Niedergang des Ortes zu Folge.

Auch die Erhaltung der Kirche wurde zu einem Problem. Die meisten der kostbaren Ausstattungsstücke wurden nach und nach aus der Kirche gebracht und nur wenige Reparaturen ausgeführt. Im 18. Jahrhundert waren viele Verglasungen bereits verloren gegangen, die Fensteröffnungen wurden teilweise zugemauert. 1881 erhielt das Königliche Institut für Glasmalerei in Berlin den Auftrag den erhaltenen Bestand zu begutachten. 1883 erfolgte dann der Ausbau aller erhaltenen Malereien, 1889 wurden die in Berlin restaurierten Scheiben im Chor wieder eingesetzt. Die szenischen Glasfenster wurden in neuer Ordnung in den dreibahnigen Fenstern I, nord II und süd II angebracht.
Erst 1911 erfolgte der Einbau übrig gebliebener Scheiben aus dem Depot des Königlichen Instituts für Glasmalerei in das siebenbahnige Fenster im nördlichen Querhaus (nord VIII). Die Arbeiten wurden von der Firma Linnemann aus Frankfurt am Main ausgeführt.

Die erhaltenen Glasmalereien gehören zusammen mit den Glasmalereien in der Marienkirche in Frankfurt (Oder) zu den umfangreichsten Glasmalereibeständen im Land Brandenburg. In Bad Wilsnack haben sich insgesamt 187 Felder mit mittelalterlicher Glasmalerei erhalten. Sie sind heute auf vier Fenster, d.h. auf das Chorscheitelfenster (Fenster I), auf die beiden flankierenden Fenster (Fenster nord II bzw. Fenster süd II) und auf das Nordquerhausfenster (Fenster nord VIII) verteilt. In Fenster nord III und Fenster süd III befinden sich Reste mittelalterlicher Scheiben mit Hausmarken.

Drei unterschiedliche Glasmalereiwerkstätten sind in den erhaltenen Glasmalereien auszumachen: die sogenannte Altmark-Werkstatt, von der sich auch Glasmalereien in der Stendaler Jakobikirche und im Dom, in der Werbener Johanniskirche und im Brandenburger Dom erhalten haben, die sogenannte Wilsnack-Werkstatt, die einen eher lokalen Stil charakterisiert, sowie die Felder des niederländischen Glasmalers Zweer van Opbueren Wesselsz, die von dem niederländischen Adligen Frank von Borselen gestiftet wurden.

Literatur:
Ute Bednarz / Eva Fitz / Frank Martin / Markus Leo Mock / Götz J. Pfeiffer / Martina Voigt (mit einer kunsthistorischen Einleitung von Peter Knüvener), Die mittelalterlichen Glasmalereien in Berlin und Brandenburg (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland XXII), Berlin 2010, I, S. 87–165, II, Abb. 7–116.

Cornelia Aman, Die Glasmalereien der Wilsnacker Nikolaikirche, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz 4, 2004, S. 5-77.

Zugehörige Fenster

Zugehörige Fenster

Grundriss

    

Lage des Standorts