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Chor, Fenster s II (Eucharistiefenster), Gesamtansicht

Gesamtansicht

                                            

Erhaltungsschema

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Beschreibung

Das dreibahnige, 15-zeilige Chorfenster süd II – das Eucharistiefenster – nimmt mit seiner außergewöhnlichen Ikonografie unmittelbar Bezug auf die Verehrung der bereits seit dem 13. Jahrhundert in Rothenburg aufbewahrten Heilig-Blut-Reliquie – einer Korporal-Reliquie, bestehend aus einigen Tropfen Messwein, die bei der Wandlung versehentlich verschüttet worden waren und sich Berichten zufolge in Blutstropfen verwandelt haben sollen.

Abgesehen von der ersten Zeile mit den beiden älteren Apostelscheiben, einzelnen bereits im 19. Jahrhundert komplett erneuerten Feldern (1b, 10c und 11c) und der ornamentalen Maßwerkverglasung ist das Fenster weitgehend intakt. Es zeigt in mehreren Geschossen übereinandergetürmte, kompliziert verschachtelte Architekturräume, wie sie vor allem in der süddeutschen Glasmalerei des ausgehenden 14. Jahrhunderts geläufig waren.

Das ausgesuchte Bildprogramm des Eucharistiefensters beruht auf zeitgenössischen liturgischen und theologischen Texten, im Wesentlichen Messerklärungen und Eucharistielehren der deutschen Mystiker: in erster Linie der Messerklärung des Durandus, den Eucharistietraktaten des Mönchs von Heilsbronn und Marquards von Lindau sowie Passagen der Totenliturgie. Im Zentrum des ersten Geschosses erscheint Christus am Kreuz als Fons pietatis, daneben ein Priester, der das Blut Christi im Kelch der Heiligen Messe auffängt, die Kelchelevatio und das Sakrament der Taufe, am Kreuzfuß die Darstellung Armer Seelen in Gestalt kleiner nackter Figürchen, die durch das Blut Christi von ihren Sünden gereinigt werden (2/3a–c). Die Zwischenzone zum zweiten Geschoss zeigt weitere Seelen im Fegefeuer (4a–c). Im Zentrum des zweiten Geschosses steht die Wandlung der Hostie während der Messfeier (5b), darüber erlöste Seelen in Abrahams Schoß, flankiert von fürbittenden Engeln und Heiligen (6/7a–c). Das dritte Geschoss zeigt die Mannalese und nimmt typologisch Bezug auf die Einsetzung der Eucharistie (8–10a–c). Die volkstümliche Interpretation der Szene mit Engeln, die Brezeln und Spitzwecken von einer Brüstung zu den Juden hinabwerfen, zählt zu den skurrilsten Bildlösungen dieser Begebenheit in der christlichen Ikonografie. Den oberen Abschluss des Fensters bilden der thronende Gottvater im vierten Geschoss (11/12a–c) und schließlich im Auszug ein Prophet mit Schriftband (13–15a–c).

An seinem heutigen Standort kann das Fenster ursprünglich nicht gesessen haben. Es kommt vielmehr nur eines der vier großen Langchorfenster nord III oder nord IV beziehungsweise süd III oder süd IV als originaler Standort in Betracht, und unter diesen vorzugsweise, aus Gründen des ikonografischen Gesamtprogramms, das Fenster nord III oberhalb der Sakramentsnische.

Nürnberg, um 1390/1400.

Einzelscheiben und Scheibengruppen:

1a: Apostel

1c: Apostel Philippus

2–4a–c: Fons pietatis / Purgatorium

5–7a–c: Messfeier / Abrahams Schoß

8–10a–c: Mannalese (Feld 10c neu)

11/12a–c: Gottvater auf dem Thron (Feld 11c neu)

13–15a–c: Prophet in Architekturtabernakel