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Uelzen, Heiligen-Geist-Kapelle

Einführung zum Standort

Die mittelalterliche Heiligen-Geist-Kapelle in Uelzen bewahrt seit dem Jahr 1890 in ihren fünf Chorfenstern Glasgemälde, die ursprünglich für die Leprosenkapelle St. Viti geschaffen worden waren.

Die Gründung der Leprosenkapelle St. Viti am Siechenhaus vor den Stadttoren Uelzens geht auf die großzügige Stiftung des Propstes Rupertus von Nortlo im Jahr 1412 zurück. Vermutlich ist die Kapelle noch vor dem Tod des Stifters 1413 fertiggestellt worden. Aufgrund der Beschreibung des überlieferten Bestandes von Hector W. H. Mithoff lassen sich für die sieben Fensteröffnungen der Leprosenkapelle zwei oder drei Fenster mit großen Standfiguren von Heiligen, zwei identisch gestaltete Fenster mit kleineren Heiligenfiguren in Flechtbandrahmung, ein Fenster mit einer großformatig angelegten Verkündigungsszene und ein Fenster mit den Darstellungen einer Intercessio (Fürbitte von Christus und Maria vor Gottvater) und einer Schutzmantelmadonna rekonstruieren. Die unteren Fensterzeilen waren anscheinend mit Wappen von geistlichen und weltlichen Stiftern besetzt. In der unteren Zeile des südlichen Chorfensters befanden sich laut Mithoffs Überlieferung ein kniendes Stifterbild und ein Wappen des Gründers, des Propstes Rupertus von Nortlo1.

1890 wurden die teilweise stark beschädigten Verglasungsreste aus der verwahrlosten Leprosenkapelle in die zentral gelegene Heiligen-Geist-Kapelle in Uelzen übertragen, dort von ehemals sieben auf fünf Fenster zusammengefasst und durch den Glasmaler A. Freystadt restauriert und passend ergänzt.

In stilistischer Hinsicht sind innerhalb des Bestandes zwei Werkgruppen zu unterscheiden.

Zu der ersten Gruppe zählt die bürgerliche Fensterstiftung mit den Szenen der Intercessio und der Schutzmantelmadonna (Fenster s II, 2/3a/b), die durch eine reduzierte, trockene Maltechnik und eine plakative Farbigkeit gekennzeichnet sind und Bezüge zur Lüneburger Glasmalereiproduktion des frühen 15. Jahrhunderts, vor allem zu den Kreuzgangsfenstern XIII–XV im Kloster Ebstorf aufweisen ().

Die zweite, wesentlich größere Scheibengruppe besteht aus den beiden einheitlich komponierten Flechtbandfenstern (Fenster n II und s II) und einem weiteren Fenster mit großen Heiligenfiguren vor Kassettenhintergrund (Fenster s III). Die hier vorherrschende Grisaillemalerei mit minimalen Silbergelbakzenten und einer überaus detaillierten Zeichnung folgt dem Formenvokabular des Internationalen Stils. Mit derselben Werkstatt können auch die Scheiben der Verkündigung an Maria (Fenster n III, 2a/b) und zwei Wappenscheiben aus dem südlichen Chorfenster (Fenster s II, 1a/b) verbunden werden, wobei hier aber nicht nur ein anderes Vorlagenmaterial Verwendung fand, sondern auch die Qualität der glasmalerischen Ausführung deutlich höher zu bewerten ist.

Das heterogene Stilbild lässt auf die Beteiligung von mindestens zwei unterschiedlichen Werkstätten schließen. Zugleich sprechen zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der zeitgleichen Lüneburger Glasmalereiproduktion dafür, den Sitz dieser Werkstätten in Lüneburg zu verorten.

 

Literatur:

Ulf-Dietrich Korn, Die Glasmalereien aus St. Viti in der Heiligen-Geist-Kapelle zu Uelzen, Uelzen 1981.

Elena Kosina, Die mittelalterlichen Glasmalereien in Niedersachsen ohne Lüneburg und die Heideklöster, unter Verwendung von Vorarbeiten von Ulf-Dietrich Korn (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland VII,1), Berlin 2017, S. 377–403, Abb. 270–287 ().

Zugehörige Fenster

Grundriss

                             

Lage des Standorts

  1. Hector W. H. Mithoff, Kunstdenkmale und Alterthümer im Hannoverischen, Bd. IV: Fürstentum Lüneburg, Hannover 1877, S. 259: "Bemerkenswerth sind die von verschiedenen Gebern hierher gelangten Glasmalereien, [...]. Die Darstellungen – so weit sie vorhanden – sind: I. (mit dem nördlichen Fenster beginnend) in a: der Pelikan mit seinen Jungen, in b: St. Johannes, in c: St. Matthäus (nur als Brustbild noch erhalten); / II. in a: die hl. Jungfrau (unvollständig geworden), in b: St. Antnius von Padua, ganze Figur, das Jesuskind auf den Armen tragend, in c: St. Jacobus major, und darunter ein von zwei Löwen gehaltenes Wappen (mit zwei ganzen und zwei halben gestreckten grünen Sechsecken auf rothem Grunde), welches vollständig erhaltene Feld, gleich einigen unten vorkommenden Beispielen, ersehen lässt, dass die Wappen der Geber in den Fenstern angebracht waren. / III. in a: ein Christuskopf, in b: Rankenverschlingungen als Umrahmung dreier Felder, in denen 1) oben St. Petrus, dann 2) St. Bartholomäus und St. Amalberga [?] (Königin mit Kirchenmodell), so wie 3) ein von einem Engel gehaltes Wappen (mit drei nach rechts geneigten Korngaben auf einem Balken) erscheinen, in c: 1) St. Paulus, 2) (jetzt fehlend), 3) ein von einem Engel gehaltenes Wappen (mit einem Baumstamm, woran drei Rosetten); / IV. hinter dem Altar nur noch ein Bruchstück; / V. in a: ein Christuskopf, in b: 1) jetzt fehlend, 2) St. Thomas und ein anderer Heiliger, 3) das von einem Engel gehaltene Wappen des Stifters der Kapelle, dessen Schild einen, mit einem Sack beladenen Esel zeigt, in c: 1) St. Bartholomäus, 2) eine Heilige und St. Judas Thaddäus, 3) ein Geistlicher, wohl die Figur des Stifters, mit Kirchenmodell und einem Spruchband, folgende Verse enthaltend: [...]. / VI. in a: St. Katharina, in b: 1) der Erzengel Gabriel, neben ihm ein Topf mit einer weissen Lilie und ein Spruchband [...], 2) (fehlt), in c: 1) St. Maria, auf welche die Taube sich herablässt, 2) (jetzt leer); / VII. in a: (jetzt fehlend), in b: 1) Christus, thronend auf dem Regenbogen in der Mandorla, mit der Rechten segnend, in der Linken die Weltkugel haltend, unten die Stifter des Fensters, [...] zwischen ihnen ein Wappenschild mit Hausmarke, in c: die gekrönte hl. Jungfrau, ihren Mantel, unter welchem verschiedene Personen geistlichen und weltlichen Standes knieen, ausbreitend, ganz unten zwei kleine knieende Gestalten, Mann und Frau mit Wappen und einem (wegen beschmutzten Zustandes nicht lesbaren) Spruchbande."»