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Besserer-Kapelle, Fenster s III (Passion Christi II), Ausgießung des Hl. Geistes (s III, 1a)
Detailansicht
Erhaltungsschema
Beschreibung
Die in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliche Bildlösung des Pfingstereignisses gemäß der Apostelgeschichte 2,1–4 zählt nicht nur als Kombination mustergültiger Vorlagen zu den aufschlussreichsten der ganzen Folge, sondern zugleich zu den modernsten Schöpfungen der frühen realistischen Malerei in Deutschland. Atypisch für das Thema ist zunächst die stilllebenartige Schilderung des Interieurs mit Wandbord und Nische, Büchern, Schreibgerät und Wasserkanne, die üblicherweise im Kontext der Verkündigung an Maria begegnen und offensichtlich auch einem entsprechenden Vorbild entlehnt wurden. Die blockhaft zusammengerückte Figurengruppe, die seit jeher zum festen Bestandteil der Szene gehört, bricht ebenfalls mit der Tradition und setzt anstelle der Gottesmutter Petrus ins Zentrum der Versammlung. Es ist nicht auszuschließen, dass die bevorzugte Platzierung des Apostels ein besonderes Anliegen des Auftraggebers gewesen sein könnte, denn auch im anschließenden Fenster s IV wurde dem Stellvertreter Christi ein Platz neben Maria eingeräumt, der dort – im Kontext des Weltgerichts – für gewöhnlich einem der beiden Johannes vorbehalten war.
Für die scharf auf der Wand sich abgezeichnenden Schattenbilder – das Schreibgerät mit Tintenfass und die Wasserkanne in der Nische – sind Vorbilder in der niederländischen Tafelmalerei, vorzugsweise bei Robert Campin, und dies kaum vor der Mitte der 1420er-Jahre, vorauszusetzen. Im deutschsprachigen Raum gehört das Pfingstbild der Besserer-Kapelle zu den frühesten erhaltenen Beispielen dieser Art der Wirklichkeitserfassung1.
- Vgl. ausführlich Hartmut Scholz, Tradition und Avantgarde. Die Farbverglasung der Ulmer Besserer-Kapelle als Arbeit einer Ulmer „Werkstatt-Kooperative“, in: Deutsche Glasmalerei des Mittelalters. Bildprogramme – Auftraggeber – Werkstätten, mit Beiträgen von Rüdiger Becksmann u. a., Berlin 1992, S. 93–152, hier S. 102–108.»