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Chor, Fenster I, 19 Scheiben des 13. Jahrhunderts aus der Colmarer Dominikanerkirche (I, 5a–c, 10–14a–c, 15b)

Detailansicht

Erhaltungsschema

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Legende zum Erhaltungsschema

Beschreibung

Die sich im oberen Teil des Fensters und in einer Zeile in der Mitte erstreckenden Glasmalereien zeigen vornehmlich architektonische, florale und geometrische Motive, die vereinzelt aber auch um menschliche Gesichter oder tierische Wesen in ihrer Gestaltung ergänzt sind. Zusätzlich sticht in dem Konvolut die figürliche Darstellung einer Madonna mit dem Jesuskind auf einer Einzelscheibe hervor.

König Friedrich Wilhelm III. von Preußen hatte im Jahr 1836 von der Gräfin Lisinka Hacke für den Brandenburger Dom ein Konvolut an mittelalterlichen Glasmalereien erworben. Die Herkunft der 19 Scheiben aus Colmar ist seit Erkenntnissen Karl-Joachim Maerckers aus dem Jahr 1993 unumstritten (Karl-Joachim Maercker, Brandenburg an der Havel. Elsässische Scheiben im Chormittelfenster des Domes, in: Brandenburgische Denkmalpflege 2,2, 1993, S. 73–77). Die dortige Dominikanerkirche war 1791 geschlossen worden und diente der Stadt seit 1807 als Getreidemarkt, hatte jedoch ihren Fensterschmuck noch nahezu vollständig bewahrt. Größere Einbußen erlitt die Farbverglasung offenbar erst gegen 1818. Damals wurden 14 oder 15 Kisten mit Glasmalereien ausgebaut und dem österreichischen General de Frimont, der zwischen 1814 und 1818 mit seiner Garnison die Stadt besetzt hielt, als Geschenk überreicht. Frimont scheint sie bald darauf veräußert zu haben, da Scheiben aus Colmar anschließend in zahlreiche Sammlungen gelangten.
Die Entstehung der Farbverglasung wird in der kunstgeschichtlichen Literatur übereinstimmend um 1290 angesetzt. 1283 bis 1291 war der Chor der Dominikanerkirche errichtet worden. In ihrer bunten, der gebauten Architektur entsprechenden Farbigkeit und den an der zeitgenössischen Bauplastik orientierten Schmuckformen kommen Anregungen vom Mittelrhein zum Tragen. Die gemalte Architektur im Fenster sollte sich jedenfalls in die gebaute fügen. Mit diesen Vorstellungen stehen die Bildarchitekturen der Dominikanerkirche am Beginn einer folgenreichen und komplexen Entwicklung, die letztlich zur Ausbildung des spätgotischen Architekturfensters führen sollte.

In den Glasfeldern mit ornamentaler Gestaltung (I, 10a/c, 11a/c, 13a–c, 14a/c, 15b) beeindruckt die große Varianz an verschiedenen floralen und geometrischen Formen. Unter den Pflanzen begegnen Weinstöcke, Rosen, Eichenranken, Erdbeer- oder Efeublätter, die sich in einigen Feldern zu Medaillons verschlingen. Die geometrischen Kompositionen zeigen Rautenmuster, Zackenbänder oder Punkte, die zumeist den Bildgrund der Scheiben ausmachen.
Von gotischer Formensprache durchdrungen sind mehrere Glasmalereien mit Architekturdarstellungen (I, 5a–c, 11b, 12a–c, 14b), in denen schmuckvoll ausgestattete Baldachinbekrönungen, Wimperge oder Turmspitzen zu erkennen sind. Zu dem verwendeten Repertoire von Bauelementen und -schmuck zählen Zinnenkränze, Wasserschläge, Strebebögen, Fialen, Krabbenzier und Maßwerk. Hinweise auf eine Inspiration der Glasmalereien durch das Straßburger Münster dürften in den Scheiben mit einer Architektur mit fünf Türmen (14b) und der Architektur mit Störchen und Phantasietieren (5a) zu vermuten sein. Die ungewöhnliche Baldachinbekrönung mit unterschiedlich hohen und sehr schlanken Türmen (14b) zeigt bemerkenswerte Ansätze zur dreidimensionalen Wiedergabe – der perspektivisch angelegte Zinnenkranz des mittleren Turmes und die schräg dargestellten Fensterchen beeindrucken. In den Langhausfenstern (1260–75) des Straßburger Münsters begegnen ganz ähnliche Baldachinbekrönungen mit Gruppen von schlanken hohen zinnenbesetzten Türmchen, allerdings noch ohne Strebebögen und ohne Ansätze einer räumlichen Darstellung. Diese dürften Anregung zu dem hier dargestellten Motiv gegeben haben. Ähnlicher Einfluss lässt sich für die Bauzier der Fialen und Kreuzblumen in der durch Tiere bereicherten Architektur feststellen. Die einen sind mit zwei einander ansehenden Störchen besetzt, auf den anderen sitzen zwei voneinander abgewandte hundeähnliche Tiere mit spitzer Schnauze und Schlappohren. In Straßburg begegnen ebensolche Tiere zunächst in der zeitgenössischen Bauplastik des Münsters und bald auch in den Glasmalereien des Langhauses.

Ein zentral platziertes Glasfeld dieser Werkgruppe birgt die Darstellung einer Maria mit dem Jesusknaben (10b). Bei der Scheibe handelt es sich um eine Kopie, da das Original 1976 aus konservatorischen Gründen in das Dommuseum gelangte. In der hier präsentierten Bildmontage wurde die fotografische Reproduktion der Originalscheibe verwendet, sodass das dazugehörige Erhaltungsschema den derzeitigen Zustand der Glasmalerei wiedergibt.
Das Glasfeld zeigt die jugendliche Gottesmutter, die als himmlische Königin leicht nach rechts gewendet und in anmutiger Haltung dargestellt ist. Auf ihrem rechten Arm und sanft von ihrer linken Hand gestützt, hält sie das Kind so, dass es sich mit ihr auf Augenhöhe befindet. Ihre sich kreuzenden Blicke und ihr Lächeln drücken innige Zuneigung aus. Der Knabe hält in seiner Linken eine rote Rose und zupft mit der Rechten in vermeintlich kindlicher Unbefangenheit seine Mutter leise am Schleier. Das intime Motiv bringt auf anrührende Weise Marias Rolle als mystische Braut Christi und zugleich den Hinweis auf die menschliche Natur Jesu und auf seine Passion zum Ausdruck. Dieser Madonnentypus war von Paris ausgehend um 1300 vor allem am Oberrhein verbreitet. Das Feld ist wahrscheinlich der mittlere Teil einer Glasmalerei, die Maria in ganzer Gestalt und bekrönt von einem Architekturbaldachin darstellte. Von dessen Aussehen zeugt noch eine grüne Säule mit rotem Blattkapitell und ein gelber Strebepfeiler mit Fialen und Blendfenstern am rechten Bildrand.

 

Einzelscheiben:

5a–c, 11b, 12a–c, 14b: Architektur

10a/c, 11a/c, 13a–c, 14a/c, 15b: Ornament

10b: Maria mit dem Jesusknaben

Zugehörige Aufnahmen im Bildarchiv