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Koblenz – Bad Honnef – Bonn

Der Weg einer spätgotischen Verglasung aus Koblenz

Abb. 1. Hll. Paulus, Anna Selbdritt und Petrus. Ehem. Honnef, Villa Schaaffhausen. Aufnahme: Reproduktion aus Renard 1907 (s. Anm. 2), Taf. VI.

In seinem 1886 erschienenen Band „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Coblenz“ erwähnt Paul Lehfeldt ein „schönes“ spätgotisches Glasfenster mit den Standfiguren der Heiligen Anna Selbdritt, Petrus und Paulus, das er im Besitz der Familie Schaaffhausen auf der Alten Burg in Koblenz in Augenschein genommen hatte1. Elf Jahre später wurde dasselbe Fenster – mit eingehender Beschreibung und einer Abbildung (Abb. 1) – auch im Inventarband des Siegkreises von Edmund Renard besprochen, nachdem es zu diesem Zeitpunkt bereits in der Turmkapelle auf dem Landsitz Schaaffhausen in Honnef eingebaut und somit der Öffentlichkeit entzogen war2.

Auf letztere Abbildung griff 20 Jahre später offenbar auch Heinrich Oidtmann zurück, als er das Fenster der Familie Schaaffhausen in sein Übersichtswerk zur rheinischen Glasmalerei aufnahm3. Der Autor würdigte die Figurengruppe als eine „vortreffliche“ rheinische Arbeit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und verwies ferner auf die Architekturansätze unterhalb der Annenfigur, die eine ursprünglich mehrzeilige Fensterkomposition voraussetzten und somit die vermeintliche Provenienz der Figurengruppe aus der Alten Burg in Koblenz hinfällig machten.

Abb. 2. Ansicht der Alten Burg in Koblenz. Aufnahme: Elena Kosina, Koblenz.

Der überlieferte Fundort dieser Glasmalerei ist die sogenannte Alte Burg an der Mosel (Abb. 2), die seit 1253 als Koblenzer Wohnsitz der Trierer Erzbischöfe diente, allerdings nach dem Ausbau der Festung Ehrenbreitstein zunehmend an Bedeutung verlor. 1793 wurde das Anwesen durch die französische Verwaltung als Domänengut eingezogen und 1806 – mit Inventar und Mobiliar − an die Gesellschaft Fink, Dietz und Schaaffhausen verkauft4, wodurch der Scheibenbestand in den Besitz der Familie Schaaffhausen gekommen sein dürfte.

Abb. 3. Kopf der Hl. Anna Selbdritt (Ausschnitt aus Abb. 5), eine Ergänzung des 19. Jh. (vor 1893). Aufnahme: CVMA Deutschland, Freiburg i. Br. (Andrea Gössel).

Die weitere Geschichte der Glasgemälde wurde ausschlaggebend vom Sohn des Fabrikanten Schaaffhausen, dem berühmten Anthropologen und Kunstgönner Medizinalrat Professor Hermann Schaaffhausen (1816–1893) beeinflusst. In seinen handschriftlichen Aufzeichnungen zur Familiengeschichte teilt er mit, dass er in der von seinem Vater erworbenen Villa in Honnef eine Turmkapelle errichten und mit wundervollen alten Glasfenstern aus der churfürstlichen Burg in Coblenz an der Mosel, der S. Anna, St. Petrus und St. Paulus schmücken ließ5. Zu seinen Lebzeiten, vermutlich anlässlich der Übertragung in die Turmkapelle der Villa Schaaffhausen, dürfte auch die erste Restaurierung des Bestandes stattgefunden haben6, die ein Zeugnis von höchster glasmalerischer Qualifikation ablegt. Der in diesem Zuge meisterhaft ergänzte, mit künstlichen Korrosions- und Rostwasserspuren versehene Kopf der Hl. Anna (Abb. 3) hatte selbst Heinrich Oidtmann in die Irre geführt7.

Abb. 4. Entwurf eines Glasfensters für den Obergaden des Kölner Domes, 1874. Koblenz, Stadtarchiv, Best. N Nr. 11, Nachlass Schaaffhausen. Aufnahme: Elena Kosina, Koblenz.

Aufschlussreich sind in diesem Kontext die Beziehungen Hermann Schaaffhausens zur Kölner Glasmalereiszene. Bereits 1867 beteiligte er sich an einer Fensterstiftung im südlichen Langhaus des Kölner Domes (Abb. 4). Die Ausführung der Standfiguren der Heiligen Bonaventura und Albertus Magnus übernahm damals die Königliche Hofglasmalerei in München, mit dem Familienwappen wurde jedoch die namhafte Kölner Glasmalereiwerkstatt Baudri und Melchior beauftragt8. Zwar war Friedrich Baudri selbst bereits 1874 verstorben, doch wurde seine Werkstatt weiterhin erfolgreich durch die Gebrüder Melchior und Ludwig Schmidt geführt, deren kopistische Ergänzungen im nördlichen Seitenschiff des Kölner Domes ebenfalls lange für mittelalterliche Originale gehalten wurden9. Dass einer dieser Glasmaler auch die Restaurierung der Heiligenfiguren in der Villa Schaaffhausen übernommen hat, scheint überaus plausibel zu sein.

Nach dem Tod von Hermann Schaaffhausen fiel die Villa an seine Erben, die im frühen 20. Jahrhundert in finanzielle Schwierigkeiten gerieten. Letztlich schlossen die Hinterbliebenen 1925 einen Vertrag mit dem Erzbistum Köln über den Verkauf des Anwesens, das fortan zu katholischen caritativen Zwecken unter dem Namen Hermann Schaaffhausen Stift genutzt werden sollte. Im Regelwerk des Vertrags stand überdies ausdrücklich: Solange die Veräusserer leben, sollen die Glasgemälde-Fenster, die sich in der sogenannten kleinen Kapelle befinden, auf dem Anwesen verbleiben10.

Die bald danach in ein mehrteiliges Mietshaus umgewandelte Villa erfuhr einige radikale Umbaumaßnahmen; allerdings lässt keine der zahlreich erhaltenen Rechnungen auf Glaserarbeiten in der Kapelle schließen11. Nach dem Tod des letzten am Verkauf beteiligten Familienmitglieds im Jahr 1938 verlieren sich die Spuren der anscheinend noch vor Ort verbliebenen Glasfenster gänzlich. 1945 wurde das Anwesen von englischen Befreiungstruppen besetzt und noch im selben Jahr an das Bistum zurückgegeben. Ab 1946 überließ das Generalvikariat das Haus der dortigen Pfarrei als Ersatz für das aufgelöste NSV-Kinderheim. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurden sicherlich alle wertvollen Einrichtungsgegenstände einschließlich der Kapellenfenster entfernt.

Abb. 5. Hll. Paulus, Anna Selbdritt und Petrus. Ostfenster im Festsaal des Collegium Albertinum, Bonn. Koblenz(?), 4. Viertel 15. Jh. Aufnahme: CVMA Deutschland, Freiburg i. Br. (Andrea Gössel).
Bonn, Collegium Albertinum, GA

Gleichzeitig, zwischen 1946 und 1948, begann man in Bonn unter besonderer Aufsicht des Erzbischöflichen Stuhls mit dem Wiederaufbau des Priesterseminars Collegium Albertinum12. Dort, im Festsaal der Collegiums, fertigte Dietrich Rentsch 1959 im Auftrag des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft die Fotografie von einem spätmittelalterlichen Fenster mit den Standfiguren von Heiligen an, in dem 2017 per Zufall das verschwundene Fenster aus der Villa Schaaffhausen wiedererkannt wurde (Abb. 5)13.

Während die jüngere Geschichte dieses kostbaren Glasmalereibestandes dank der Quellen relativ gut rekonstruiert werden kann, lassen sich über dessen Herkunft nur Vermutungen anstellen. Doch die Tatsache, dass der ursprüngliche Standort aus kompositorischen Gründen ein dreibahniges, mehrzeiliges Fenster mit annähernd quadratischen Feldern gewesen sein muss, lässt die Suche nicht ganz aussichtslos erscheinen.

Abb. 6. Inneres der Liebfrauenkirche in Koblenz nach Osten. Aufnahme: Elena Kosina, Koblenz.

In Koblenz, wo der Bestand am ehesten herstammen dürfte, besitzt nur die Liebfrauenkirche in ihrem Chor Fenster, welche die ca. 56 cm hohen und ca. 54 cm breiten Scheiben mit Heiligenstandfiguren in einer bahnenübergreifenden Architektur aufnehmen konnten (Abb. 6)14. Sämtliche übrigen in Frage kommenden großen Kirchenbauten in Koblenz – St. Kastor, St. Florin sowie die Klosterkirchen der Dominikaner und Franziskaner, die Deutschordenskommende und schließlich die kleine Hauskapelle der Alten Burg – verfügten über keine für diese Scheiben passenden Fensteröffnungen.

Der Zeitpunkt, zu welchem die überkommenen Verglasungsreste aus der Liebfrauenkirche auf die Alte Burg gelangt sind, kann nicht abschließend rekonstruiert werden. Einen plausiblen Anlass hierfür bietet die Zerstörung der Liebfrauenkirche beim verheerenden Artilleriebeschuss von 1688, als der Kirchenbau – insbesondere im Chorbereich – aufs Schwerste beschädigt und das Pfarrhaus gänzlich zerstört worden war15. Ferner liegt für das Jahr 1777 eine Nachricht vor, dass bei der tiefgreifenden Umgestaltung des Kircheninneren unter anderem die alten Altäre niedergelegt und »die gebrannten Fenster« ausgebrochen wurden16. Da die Alte Burg seit dem frühen 18. Jahrhundert nicht mehr als bischöfliche Residenz, sondern zunehmend als untergeordnetes Amtshaus genutzt wurde, kann sie in beiden dieser Fälle als naheliegender Ort für die Einlagerung der ausgeschiedenen Glasgemälde in Frage kommen.

Durch ihre Wiederentdeckung dort, wo sie lange vergessen waren, ist für Koblenz jedenfalls ein bedeutendes Zeugnis der mittelalterlichen Glasmalerei zurückgewonnen.

Zitierhinweis

Elena Kosina, Koblenz – Bad Honnef – Bonn. Der Weg einer spätgotischen Verglasung aus Koblenz,
in: corpusvitrearum.de, 12.05.2020. urn:nbn:de:0238-2020051207.

Dieser Text steht unter einer CC BY-NC4.0 Lizenz.

  1. Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Coblenz, bearb. von Paul Lehfeldt, Düsseldorf 1886, S. 168.»
  2. Die Kunstdenkmäler des Siegkreises, bearb. von Edmund Renard (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz V,4), Düsseldorf 1907, S. 95f., Taf. VI.»
  3. Heinrich Oidtmann, Die rheinischen Glasmalereien vom 12. bis zum 16. Jahrhundert (Preis-Schriften der Mevissen-Stiftung 3), II, Düsseldorf 1929, S. 333f., Abb. 521−523.»
  4. Koblenz, Landeshauptarchiv, Best. 256, Nr. 10037, 10248, und Best. 1c, Nr. 2273, 2276f., Verwaltungs- und Verkaufsakten zur Alten Burg.»
  5. Koblenz, Stadtarchiv, Best. N Nr. 11, Nachlass Schaaffhausen (B1976/87 18d). Da die Geschichte des Hauses Schaaffhausen keine genauen Datumsangaben enthält, lässt sich der Zeitpunkt der Übertragung der Glasmalereien von Koblenz nach Honnef nur annähernd bestimmen, als Terminus ante quem darf aber sicherlich der Tod von Hermann Schaaffhausen im Jahr 1893 gelten.»
  6. Die von Renard erwähnte Restaurierung »in den 70er Jahren« geht offenbar auf eine unpräzise Auskunft der späteren Besitzerin, Fräulein Marie Schaaffhausen, zurück, vgl. Renard 1907 (wie Anm. 2), S. 95.»
  7. Die Tatsache, dass Heinrich Oidtmann, ein ausgewiesener Kenner der mittelalterlichen Glasmalerei, im Kopf der Hl. Anna nicht eine moderne Ergänzung erkannte, bestätigt die Annahme, dass er das Original nicht gesehen hat.»
  8. Freundliche Auskunft von Dr. Ulrike Brinkmann, Dombauhütte Köln.»
  9. Zur restauratorischen Tätigkeit der Glasmalereiwerkstatt Baudri/Melchior s. Ulrike Brinkmann, Die Wiederherstellung der Kölner Domfenster im 19. Jahrhundert, in: Falko Bornschein, Ulrike Brinkmann und Ivo Rauch, Erfurt – Köln – Oppenheim. Quellen und Studien zur Restaurierungsgeschichte mittelalterlicher Farbverglasungen, mit einer Einführung von Rüdiger Becksmann (CVMA Deutschland, Studien II), Berlin 1996, S. 101–149, hier S. 145f., Anm. 140–143.»
  10. Köln, Historisches Archiv des Erzbistums Köln (AEK), CR II.5.7.63, 1/41–45.»
  11. AEK, CR II.5.7.63, 2–3, Verwaltungsakten zum „Mietshaus in der Hermannstraße 5b in Bad Honnef“ 1926–1942.»
  12. AEK, CR II 8B.2, 1/21–1/15. Anhand der Baurechnungen sind sehr kostspielige Neuverglasungen, aber auch Glasmalereiarbeiten und -reparaturen zu verzeichnen (CR II 8B.2.2/126, CR II 8B.2.2/159, CR II 8B.2.2/168).»
  13. Für den freundlichen Hinweis darauf und die Unterstützung bei der Recherche möchte ich Herrn Dr. Ralf W. Schmitz, Rheinisches Landesmuseum Bonn, und Frau Dr. Ursula Zängl, Köln, herzlich danken.»
  14. Darauf haben bereits Heinrich Oidtmann und Fritz Michel hingewiesen. Oidtmann 1929 (wie Anm. 3), S. 334; Die kirchlichen Denkmäler der Stadt Koblenz, bearb. von Fritz Michel (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz XX, 1), Düsseldorf 1937, S. 16, 185f.»
  15. Andreas Schüller, Die Koblenzer Liebfrauentürme von den Franzosen zerschossen, in: Alt-Koblenz. Eine Sammlung geschichtlicher Abhandlungen, hrsg. von Hans Bellinghausen, Bd. 1, Koblenz 1929, S. 256.»
  16. Philipp de Lorenzi, Beiträge zur Geschichte sämtlicher Pfarreien der Diöcese Trier. II. Regierungsbezirk Coblenz, Trier 1887, S. 11.»