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Zwei Vierpassscheiben mit Kaltmalerei in Coburg

Begleitend zur Publikation „Originale Kaltmalerei auf historischen Glasmalereien“, die unter den Neuerscheinungen 2018 zum Download bereitsteht, soll hier die neue Rubrik „Scheibenweise“ mit der Vorstellung zweier Vierpassscheiben eröffnet werden, an denen das Phänomen der Kaltmalerei besonders gut sichtbar ist (Abb. 1, 2). Die beiden Scheiben befinden sich in den Kunstsammlungen der Veste Coburg (Gm.031, Gm.032)1. Sie wurden um 1924 aus ursprünglich drei Vierpässen zusammengesetzt, was an der Verwendung dreier verschiedener Randstreifen und der ‒ zum Teil ‒ sprunghaften Abfolge der Szenen aus dem Leben Marias sowie der Kindheit und der Passion Christi zu erkennen ist; eine vierte Scheibe, die Szenen nach der Kreuzigung Christi bis zur Auferstehung oder Himmelfahrt Christi enthalten haben dürfte, ist verloren.

Abb. 1. Vierpassscheibe mit Szenen aus dem Leben Marias und der Kindheit Christi. Coburg, Kunstsammlungen der Veste Coburg, Gm.031. Süddeutschland, um 1500/10. Aufnahme: Kunstsammlungen der Veste Coburg.
Abb. 2. Vierpassscheibe mit Szenen aus Kindheit und Passion Christi. Coburg, Kunstsammlungen der Veste Coburg, Gm.032. Süddeutschland, um 1500/10. Aufnahme: Kunstsammlungen der Veste Coburg.

Im Herstellungsprozess von Glasgemälden stand der Brand, das heißt das Einbrennen der Malfarben (Schwarz- oder Braunlot, Silbergelb, seit dem späten 15. Jh. auch Eisenrot) auf das Glas als Bildträger an vorletzter Stelle. Erst durch den Brand bei circa 600 Grad Celsius verband sich die Malerei dauerhaft haltbar mit dem Glas. Die gebrannten Glasstücke konnten jetzt miteinander verbleit werden, eine weitere, also kalte, nicht eingebrannte Bemalung war nicht vorgesehen ‒ zumindest nicht in der „klassischen“ Herstellungstechnik 2. Dass dennoch damit experimentiert wurde, ja dass die Verwendung kalter Malfarben zunehmend gebräuchlich wurde, dafür ist vor allem die Scheibe Gm.031 ein instruktives Beispiel (Abb. 1).

Alle fünf Szenen vom Tempelgang Marias (links) über die Geburt Christi (Mitte), die Beschneidung (oben), die Darbringung im Tempel (rechts) bis zur Flucht nach Ägypten (unten) enthalten landschaftliche, architektonische oder figürliche Details, die im Durchlicht annähernd intransparent oder fleckig schwarz erscheinen. Im Auflicht dagegen ist zu erkennen, dass es sich um ein Grün gehandelt hatte, das offenbar durch einen Alterungsprozess sich zu Schwarz hin verändert hat (Abb. 3). Grün waren folglich der Boden vor dem Stall in der Geburt Christi und die Landschaft in der Flucht nach Ägypten sowie die Gewänder einzelner Figuren, so etwa des Mohel in der Beschneidung Christi. Dies ist deshalb bemerkenswert, da ein mögliches Vorbild für die Beschneidungsdarstellung, eine Tafel aus Regensburg(?) in Karlsruhe, die Figur des Mohel in exakt gleicher grüner/gelber Gewandung zeigt (Abb. 4) 3.

Abb. 3. Ausschnitt aus Abb. 1 im Auflicht. Aufnahme: Corpus Vitrearum Deutschland, Freiburg i. Br. (Uwe Gast).
Abb. 4. Beschneidung Christi. Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle. Regensburg(?), um 1420. Aufnahme: Repro aus Moraht-Fromm 2013 (s. Anm. 3).

Über die Herkunft der Vierpassscheiben ist nichts bekannt. Im Coburger Online-Katalog werden sie unter der Bezeichnung „Alter Bestand“ geführt, eine über die Datierung „um 1500“ hinausgehende Einordnung wurde noch nicht geleistet. Die konturbetonte Malerei mit lavierender Binnenzeichnung bei vergleichsweise verhaltenem Einsatz von Schraffuren erinnert jedoch, wie auch die Figurentypen an sich, an Glasgemälde aus dem süddeutschen Raum. Der Glasmaler oder die Werkstatt ist sogar über einen längeren Zeitraum zu fassen, da zwei weitere, etwas ältere Vierpassscheiben in Kassel zweifellos auch von seiner Hand stammen beziehungsweise aus ihr hervorgegangen sein müssen (Abb. 5)4.

Abb. 5. Vierpassscheibe mit Szenen aus der Passion Christi. Kassel, Hessisches Landesmuseum. Süddeutschland, um 1490/1500. Aufnahme: Corpus Vitrearum Deutschland, Freiburg i. Br. (Jean Jeras).
Vierpasssch. m. Passionssz.

Letztere wurden von Daniel Parello um 1490‒1500 datiert; die beiden Scheiben in Coburg sind ‒ bei zum Teil gleichen Kompositionen ‒ vor allem in modischen Details wie dem Brokatgewand Marias oder den sogenannten Kuhmäulern der Schergen sichtlich jünger und dürften um 1500/10, wenn nicht noch etwas später entstanden sein.

 Uwe Gast

Zitierhinweis

Uwe Gast, Zwei Vierpassscheiben mit Kaltmalerei in Coburg, in: corpusvitrearum.de, 01.08.2018. urn:nbn:de:0238-2018061302.

Dieser Text steht unter einer CC BY-NC4.0 Lizenz.

  1. Vgl. die Einträge zu Gm.031 und Gm.032 unter: http://www.kunstsammlungen-coburg.de/kunstsammlungen-sammlungen-online-glasmalerei.php (abgerufen am 13.03.2018).»
  2. Vgl. Sebastian Strobl, Glastechnik des Mittelalters, Stuttgart 1990.»
  3. Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, Inv. Nr. 2197; Anna Moraht-Fromm, Das Erbe der Markgrafen. Die Sammlung deutscher Malerei (1350‒1550) in Karlsruhe, Ostfildern 2013, S. 49‒55.»
  4. Kassel, Hessisches Landesmuseum, Inv. Nr. G 748 und G 749; Daniel Parello, Die mittelalterlichen Glasmalereien in Marburg und Nordhessen (CVMA Deutschland III,3), Berlin 2008, S. 277‒279, Nr. 17, 18 (online abrufbar unter: digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cvma_bd3_3/).»